Wir brauchen den 1000-Euro-Job

Warum eigentlich wird Einkommensarmut trotz Arbeit in unserer Gesellschaft immer noch wie ein Naturschicksal hingenommen? Und warum wird bei denen, die das Phänomen kritisieren, immer wieder in die gleiche Kerbe gehauen – nämlich ausschließlich die Einführung des Mindestlohns zu fordern. Eigentlich sinnvoll, aber für viele Arbeitgeber abschreckend. Dabei kann ich im Prinzip gut zustimmen – ich habe heute in der Altenpflege eine Kollegin getroffen, die als „Servicekraft“ angestellt wird und nur 6 Euro verdient. Eine Polin, die aufgrund des nun geringeren Einkommens des Mannes nun „ran muss“. Öfters springt sie auch ein, wenn in der Pflege Not an der Frau ist – für die Einrichtung eine kostengünstige Alternative zu den ohnehin schon niedrigen 8,50 Euro Tariflohn in der Pflege. In der Regel bekommt sie drei Stunden-Schichten und arbeitet freiwillig 3,5 – für schlappe 18 Euro. Das ist schon ziemlich dürftig. Der Mindestlohn von 8,50 würde für die Schicht zumindest knapp 30 Euro ergeben, immerhin.

Vergessen wird jedoch gern ein anderer Schocker, den der Niedriglöhner jeden Monat auf seinem Lohnzettel findet – die leidigen Abzüge, die selbst aus wenig fast nichts machen: bei 1500 Euro 313, bei 1200 noch 250 Euro, selbst bei 1000 Euro verliert gehen dem Single ohne Kind 208,75 durch die Lappen – wegen der Sozialversicherungsleistungen. Rund 20 Prozent Abgaben treffen die kleine Lohntüte überproportional – das drückt weit mehr als 800 bei einem Einkommen von 4000 Euro. Die Steuerbelastung ist erst das zweite Übel: bei 1500 Euro brutto sind das 118, bei 1200 noch 47 Euro.

Abhilfe schaffen seit 2003 die Minijobs, die eine pauschale Sozialversicherungspflicht beim Arbeitgeber von  30,74 Prozent von 400 Euro vorsehen. Auf den ersten Blick eine phänomenale Erfolgsgeschichte – so arbeiten mittlerweile rund 7,15 Millionen Minijobber, in NRW allein 1,8 Millionen. Problematisch ist jedoch, dass auch reguläre Arbeitsverhältnisse in Minijobs verwandelt werden, und nicht nur Arbeitslose dadurch „in Arbeit“ kommen. Das Modell hat natürlich den Mangel, dass es für den Alleinverdiener zu wenig ist – der typische Nebenverdienst für Frauen, die zum Einkommen des Mannes noch etwas hinzuverdienen. Ein weiterer gravierender Nachteil: die Entlohnung pro Stunde ist nicht festgelegt. Einen Mindestlohn konnten den die SPD geführten Länder im Bundesrat nicht durchsetzen.

Der Minijob bräuchte einen großen Bruder, der erwachsen geworden ist und die Kinderkrankheiten abgelegt hat: Wenigstens 1000 Euro netto braucht man (und Frau) zum Leben, um ein bisschen durchzuatmen. Das ist nicht ideal, aber doch ein echter Schritt nach vorn. Bei einem festzulegenden Mindestsatz von 8 Euro pro Stunde hätte der Arbeitgeber damit eine Kraft für 125 Stunden im Monat – also nahezu Vollzeit. Bleibt noch die Frage nach der finanziellen Ausgestaltung. Der Vorschlag wäre, analog zum Minijob 30 Prozent an die Sozialversicherungen abzuführen, der 1000-Euro-Job würde also 1300 Euro kosten. Weil der Job die ARGEn spürbar entlastet, tragen sie die Hälfte der Kosten, die andere Hälfte übernimmt der Arbeitgeber, der eine Arbeitskraft zum halben Preis bekommt – und das gute Gefühl haben kann, halbwegs faire Entlohnung bieten zu können.

Steuern fallen für die 1000 Euro-Jobs nicht an. Ich würde sogar vorschlagen, in einem weiteren Schritt den Steuerfreibetrag für alle Bürger insgesamt auf 1000 Euro im Monat anzuheben, vielleicht sogar auf 1200 Euro. In Anbetracht der Tatsache, dass die unteren 40 Prozent der Einkommensbezieher nur 2 Prozent zum Einkommensteueraufkommen beitragen (gerade mal 2,8 MRD Euro), könnte man die Zahl der Steuerzahler halbieren – eine enorme Einsparung in der Finanzverwaltung und, viel wichtiger, eine Entlastung der niedrigen Einkommen. Richtschnur kann hier die Pfändungsfreigrenze von 12 359,88 Euro sein (1029,99 monatlich).

Blieben 1000 Euro pro Person steuer- und abgabefrei, könnte ein Paar, ob verheiratet oder nicht, schwul oder hetero, 1000 Euro pro Nase und damit zusammen 2000 Euro netto behalten – gegenüber heute ein Riesenfortschritt für finanzschwache Haushalte.

Zurückholen könnte der Staat sich die ausfallenden Milliarden zum Beispiel durch die moderate Angleichung der Beitragsbemessungsgrenze der Krankenversicherung (3825 €) an diejenige der  Sozialversicherung (5600 €), die rund 3,47 Milliarden Euro bringen würde. Auch lässt sich eine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenzen insgesamt vertreten, um damit analog zum Steuerfreibetrag einen Sozialversicherungsfreibetrag für niedrige Einkommen (z. B. ebenfalls bis 1000 Euro) durchzusetzen.

Eigentlich ist die Lösung denkbar einfach. Weder eine Reichensteuer, noch der Mindestlohn als solcher weisen hier in die richtige Richtung, da es notwendig ist, da zu beginnen, wo der Schuh am meisten drückt (bei den Abgaben mehr als bei den Steuern), das System als Ganzes gerechter zu gestalten und faire Arbeitsbedingungen im unteren Lohnbereich zu ermöglichen. Dann lassen sich auch Belastungen der höheren Einkommen leichter vermitteln. Eine Polarisierung der Debatte kann so vermieden werden. Der 1000-Euro Job kann Armut verhindern, Arbeit zu fairen Bedingungen schaffen und Bürokratiekosten in der Arbeits- und Finanzverwaltung einsparen. Zugleich wird von der Gesellschaft ein vernünftiges Limit gesetzt, unter das faire Arbeit einfach heutzutage nicht mehr fallen darf.

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2 Kommentare zu “Wir brauchen den 1000-Euro-Job

  1. „Was sagt uns das alles? Es muss sich dringend etwas ändern an unserem Wirtschaftsleben. Das Ideal der Vollbeschäftigung entpuppt sich in Zeiten von Leiharbeit und Scheinselbständigkeit endgültig als Chimäre; ebenso der Traum, von seinem Verdienten auskömmlich leben zu können, jedenfalls unter den gegebenen Bedingungen.

    Der Staat muss sich endlich trauen, in das Wirtschaftsleben wieder aktiv einzugreifen: sei es durch einen Mindestlohn oder durch ein bedingungsloses Grundeinkommen. Vor allem das Grundeinkommen ist seit etwa zehn Jahren Thema einer breiten Diskussion. Die Politik, das heißt: die etablierten Parteien – und bislang kann man die Piraten hierzu nicht zählen – sollte endlich anfangen, sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen.“

    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1849702/

  2. Das ist schon traurig. Die Arbeitslosenquote ist niedrig wie nie zuvor und trotzdem werden die Deutschen immer ärmer. So kanns nicht weitergehen.
    Ich weiß gut wie es ist, wenn man sich den Arsch aufreißt und kaum was verdient!
    Aber was will man machen. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen am Burnout-Syndrom erkranken!

    LG,
    Isabelle von Job Altenpflege

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