Vision weltwärts

Am 19.4. 2015 habe ich aufgehört, ein überzeugter Europäer zu sein. 1000 Menschen sterben im Mittelmeer bei dem verzweifelten Versuch, ihr Recht auf Asyl geltend zu machen. Die Reaktion der europischen Politiker ist beschämend – ihr 10-Punkte-Plan offenbart das Ende einer europäischen Vision. Bezeichnend die Kanzlerin, die „Bildern von ertrinkenden Menschen“ für „nicht mit den Werten der EU vereinbar“ hält. Ja, sie hat wirklich von „Bildern“ gesprochen. Das ließe sich folgendermaßen übersetzen: Diese Bilder stören – denn sie werfen kein gutes Licht auf uns.

Auch wenn die Kanzlerin wirklich „betroffen“ ist – dieser Satz zeigt, wie weit unsere Politiker von den Menschen entfernt sind. Stürzt ein deutsches Flugzeug ab, ist die Kanzlerin sofort zur Stelle. Handelt es sich um die fünffache Menge dunkelhäutiger Flüchtlinge, bildet man einen Arbeitskreis. Europa zeigt in diesen Tagen, dass es keine Wertegemeinschaft mehr ist, die der Welt mit moralischer Autorität gegenübertreten könnte. Damit ist nun endgültig Schluss. Europa ist politisch ein undefinierbares Gewirr von Stimmen. Einig ist man sich nur darin, dass man weiter Flüchtlingsboote kentern lassen will – weil es der Abschreckung dient. Diese zynische Moral wird langsam medienkundig. Offen ausgesprochen wird das natürlich nicht. Aber auch große Proteste dagegen finden nicht statt. In Afrika wird das registriert. Das große Europa steht jetzt ohne Kleider da. Es braucht nicht zu hoffen, dass es keiner merkt.

Irgend etwas erinnert an die Legende vom Turmbau zu Babel. „Ein Volk aus dem Osten, dass die eine heilige Sprache spricht, siedelt sich in einem Land namens Schinar an. Es beschließt dort eine Stadt zu bauen, und einen Turm, der bis zum Himmel reicht. Gott schaut sich das Bauwerk an. Ihm scheint das Volk übermütig zu werden, es schreckt vor nichts zurück, dass ihm in den Sinn kommt. Gott verwirrt ihre Sprache und vertreibt sie über die ganze Erde.“ Kann es sein, dass dieses biblische Schicksal auch uns Europäern blüht?

Europas Scheitern ist keine Sache der Politiker. Wir haben sie gewählt und sehen zu. Uns geht es selbst nicht immer gut, und da kommt Solidarität an ihre Grenzen. Gerade wo die Teilung in Arm und Reich zunimmt und die Mitte schwindet, wünschen sich manche, dass Europa dicht bleibt. Pegida hieß das in diesen Tagen, mit zunehmenden Übergriffen auf Flüchtlingsheime. Trotzdem stinkt der Fisch zunächst vom Kopf her. Europa ist ein Ruderboot ohne Steuermann. Es ist schon paradox – es treibt wie die überfüllten Boote der Schlepper richtungslos auf hoher See.

Die See ist hoch, weil die Welt in Glaubenskriegen zerfällt. Terrorallianzen schmieden sich, bis an die Zähne bewaffnet, die erschreckend genau wissen was sie wollen. Unsere Speespitze Amerika hat einmal mehr bewiesen, dass sie weltpolitisch der Elefant im Porzellanladen ist. Amerikas Engagement hinterlässt eine gefährliche Spur von Trümmern. Wir Europäer waren mehr oder weniger beteiligt, sind aber keineswegs aus dem Schneider. Bleibt uns jetzt nun nur noch eine diffuse „christliche Allianz“ mit Amerika, um den kunstvoll gezüchteten islamischen Gotteskriegern Einhalt zu gebieten? Selten wurde mehr von den – zweifelhaften – Qualitäten der Bundeswehr gesprochen als in den letzten Monaten. Wir haben keine politische Vision, aber wir sorgen uns um unsere militärische Stärke. Der deutsche Wirtschaftsmotor läuft ganz gut. Gelder sollen in den Autobahnbau und die Rüstung fließen. Wohin auch sonst.

Wenn der moralische Kompass fehlt, regieren die Bajonette. Wir haben noch Zeit, das zu ändern. Nur wie, ist die Frage. Die Rente mit 63 und ein paar Kita-Plätze reichen da nicht so ganz. Ist diese Gesellschaft noch imstande zu einer Vision? Es hat sich ja langsam durch die Feuilletons gesprochen, dass unsere Republik vergreist. Und damit ist keineswegs nur die Demographie gemeint. Am Horizont fehlt der Entwurf, für den noch einmal so richtig Demokratie gefeiert werden könnte.

Bis in die 70er Jahre hinein war das gründlich anders: Es gab die Vision der Arbeiterkinder, zu Bildung und Wohlstand zu kommen. Die Vision der Mitbestimmung, der Demokratisierung der Gesellschaft. Fortschritt und soziale Gerechtigkeit. In den 80ern gab es noch Ökologie, Pazifismus und „small is beautiful“. Es gab das Gefühl einer Alternative zum „herrschenden System“. Dann kamen die Wende und Schröders „Agenda“, die mit Hedgefonds, Minijobs und Zeitarbeit zum Abschluss kam. Mit dem Kanzler ist auch das politische System technokratisch ergraut. Auch wenn der eine oder andere mal eine Idee ins Kraut schießen lässt. Irgendwo sprießen Windräder, man redet von der Steuererklärung auf einem Bierdeckel, gelegentlich sogar von Grundeinkommen. Aber es macht sich das Gefühl breit, dass die „Alternativlosigkeit“, die von unser Kanzlerin so gern behauptet wird, mehr ist als nur leeres Gerede. Leere Wirklichkeit. Wer nach oben will, macht sich visionsfrei.

Worauf ich hinaus will ist, dass unsere „unpolitische Gesellschaft“ genau wie diese Flüchtlingsboote zum Kentern verurteilt ist. Die Wirtschaft fährt Gewinne ein. Das „trägt“ noch, ist aber trügerisch, wenn die Basis der Werte und Visionen von Bord geht. Ohne Visionen fehlt uns die Fähigkeit zur Zukunft. Und selbst die Gegenwart kommt uns abhanden, wenn wir nicht mehr wissen, wer wir sind.

Zu glauben, dass eine Gesellschaft von ihrer Wirtschaftsordnung zusammengehalten wird, ist ein Kardinalsfehler, ob dieser nun von Marx oder vom Markt behauptet wird. Eine arme Familie kann funktionieren, wenn die Wertebasis stimmt – genauso wie eine reiche locker auseinanderbricht, wenn sie sich gegenseitig misstraut, und nicht mehr weiß, wofür sie zusammen ist. Vermutlich ist darum das Euro-Europa eine Fehlkonstruktion. Wir reden über Gemeinschaftswährung und Schulden, aber wissen nicht wofür wir stehen. In ein paar Jahrzehnten kommen auf einen Europäer 9 Afrikaner. Das braucht nicht zu beunruhigen. Es sind nur Koordinaten, die mit Inhalt zu füllen wären. Wir reden ja gern von „einer Welt“ – aber von Afrika nehmen wir herzlich wenig zur Kenntnis. Ja, es gibt ein Leben jenseits von Terror, Ebola, Aids und Stammeskriegen.

Europa hat ein äußeres und ein inneres Afrika-Problem. Öffnet es sich zur Idee der einen Welt, oder bleibt das Sonntagsfloskel? Beginnt es, sich ernsthaft mit Gerechtigkeit zu befassen? Hat jeder, wirklich jeder das Recht auf eine faire Chance? Hier und dort? Dann müsste sich grundlegend was ändern. Wir Europäer könnten das auf unsere Fahnen schreiben. Als Vision weltwärts. Das Ruderboot hätte wieder Kurs und Steuermann.

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